April 26, 2021

Verbundenheiten und Möglichkeiten

Auf der Suche nach Zukunft schreite ich fragend voran.

Auf der Suche nach dem Geistigen in der heutigen Zeit beschäftige ich mich immer wieder mit Kunst. Besuche Ausstellungen, studiere Kataloge, recherchiere im Netz. Mein Interesse gilt dem Zukünftigen, das ich in der Kunst sehe. Angeregt durch Hildegard Kurt, die das Geistige in der Nachhaltigkeit sucht und dabei durch die Kunstgeschichte schreitet, mache ich mir eigene Gedanken und suche.
Wir waren in der Pinakothek der Modernen in München. Dort vollzogen wir den Rundweg durch die Kunst der 20. Jahrhunderts. Begonnen mit der Brücke, den Wilden, dem Blauen Reiter bis zu Kunst der Gegenwart, einer Ausstellung Feelings, deren Werke nicht gekennzeichnet waren, sondern den Betrachter auffordern, auf seine/ihre Gefühle zu achten.
Ich lese den Blauen Reiter-Almanach, Kandinskys „Über das Geistige in der Kunst“ und spüre nach, was es denn war, was die Klassische Moderne ausmacht. Das Neue, die Abstraktion, die Forderung nach Freiheit der Form, Freiheit von der Akademie der Künste, zu malen wie ich will.
Und später das Nachspüren über die schaffenden Bildekräfte, die Erschaffung neuer Welten, neuer Perspektiven….
Heute scheint die Forderung nach Freiheit in der Kunst so unübersichtlich zu sein: alles ist möglich und alles passiert auch. Ist das was zukünftiges?
Beuys setzte Ende der 60er Jahre einen neuen Akzent. Alles ist Skulptur, Jeder ist ein Künstler, der erweiterte Kunstbegriff, die Soziale Skulptur. Das war was neues Zukünftiges!
Und wo finden wir heute das Neue in der Kunst? Selbst Beuys „Soziale Skulptur“ finden wir heute in mannigfachiger Ausführung, wie es Susanne Bosch in einem Interview darlegt. Und doch beruft sie sich genau auf die beiden wichtigen Künstler im letzten Jahrhundert: Joseph Beuys und Marcel Duchamp.
„Das ganze Feld ist im ständigen Diskurs, immer im Prozess.“
Redaktion Kubinaut: Seit vielen Jahren bist Du im Bereich der sogenannten Partizipationskunst verortet. Für viele ist dieser Begriff nach wie vor fremd. Was ist partizipatorische Kunst?
Susanne Bosch: Das ist eine riesige Frage und erzeugt den Eindruck, als gäbe es “DIE” partizipatorische Kunst. So ist das nicht, vielmehr gibt es unendliche, mitunter sich scharf voneinander abgrenzende Definitionen von partizipatorischer Kunst. Das ganze Feld ist im ständigen Diskurs, immer im Prozess, so scheint mir. Auch geographisch unterscheiden sich die Diskussionen und Auffassungen, inklusive dem Namen (z.B. im englisch-sprachigen Raum: socially engaged art, useful art, participatory art, public art, … um nur einige zu nennen). Deshalb, ich kann die Frage nur subjektiv in diesem Moment für mein Verständnis beantworten, da auch ich ständig etwas dazu lerne und mich dauernd korrigieren muss in meinen Ideen, was ich denn eigentlich tue, warum, in welchem Feld und an welchem Ort….
…Mich inspiriert von Anfang an und immer noch die Art, wie Beuys in den 1970ern über Gesellschaft, den Menschen und unsere zukünftige Aufgabe in Beziehung zum Kunstschaffen gesprochen hat. Die Theorie der „Sozialen Plastik“ nach Joseph Beuys besagt, jeder Mensch könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch plastizierend auf die Gesellschaft einwirken. Aus dieser Vorstellung entstand die viel zitierte These der „Sozialen Plastik“: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, die Beuys erstmals 1967 im Rahmen seiner politischen Aktivitäten äußerte. Dem fügte Beuys seine Vorstellung hinzu, dass jeder daran teilnehmen kann, das Leben, insbesondere in Politik und Wirtschaft sozial und kreativ zu gestalten. Beuys ging davon aus, dass die notwendigen Fähigkeiten zur Verwirklichung einer Sozialen Plastik – er sprach hierbei oft von einem „Sozialen Organismus” – Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie seien, die in jedem Menschen bereits vorhanden sind. Diese Fähigkeiten müssten nur erkannt, ausgebildet und gefördert werden.
Nach Beuys erhält jeder Mensch mit der Forderung der sozialen Plastik die individuelle Freiheit, innerhalb der Gesellschaft zu handeln; somit sei der Einzelne auch für die gesamte Gesellschaft verantwortlich. Die Soziale Plastik bringe die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft und insbesondere die Probleme einer Gesellschaft, wie vor allem die militärische Bedrohung, die ökologische Krise oder die Probleme der Wirtschaft, durch eine kreative Gestaltung und Mitverantwortung in eine inhaltliche Überschneidung, die einen „gesunden“ Austausch ermöglichen könne.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der mit dem Verständnis der „Sozialen Plastik“ erweiterte Kunstbegriff seinerseits nichts Feststehendes bezeichnet und einen Übergang vom Werk zum Ereignis beschreibt. Er äußert sich in seiner sozialen Wirkung und beinhaltet unsichtbare Prozesse wie Dialog und Kommunikation, das Relationale also im weitesten Sinne.“ (https://www.kubinaut.de/de/themen/1-alle-alles-partizipation/susanne-bosch/)
Und in einem Interview 2015 mit mir: „ „Es gibt unendlich viele Kunstbegriffe, die alle parallel existieren. Sie reichen von einem Kern, den ich mal Kunstmarkt nennen möchte, wo ästhetische Unikate als Ware gehandelt werden, wo es einen Autonomiebegriff der Kunst gibt, welcher der reinen Ästhetik die totale Unabhängigkeit und Kraft zuspricht. Wir alle wissen, dass es Werke gibt, die diesen starken Mehrwert durch Ästhetik haben und so auch Inhalte großartig und kraftvoll durch die gewählte Form transportieren. Aber wir wissen auch um den Markt der Kunst, wo es nie um die Autonomie des Werkes gehen kann, da der Markt ein Beziehungsgeflecht von Angebot und Nachfrage abbildet, wo gute Kunst als angebliche Mangelware angepriesen wird, um den ökonomischen Wert von Arbeiten so hoch wie möglich anzusetzen.
Jedes Kunstwerk ist nur dann Kunst, wenn es in einen Dialog mit einer/m BetrachterIn tritt, so sagte das bereits Marcel Duchamp. Diese Kommunikation zwischen BetrachterIn, Werk und eventuell dem/der ErschafferIn des Werkes ist per se eine soziale, da es um ein Sender-Empfänger-Prinzip geht.
Partizipative Kunstformen sind Kunst an gesellschaftlichen, wissenschaftlichen oder politischen Schnittstellen. Als Schnittstellenaktivität verhandelt sie ständig die Grenzen der Kunst zum Leben. Jede avantgardistische Kunst hat genau das in der Geschichte getan: Die Grenzen des gängigen Kunstbegriffs an den Peripherien überschritten und somit erweitert. Natürlich erzeugt das Widerstand, wie jede Entdeckung in der Naturwissenschaft auch für Aufregung sorgt, da sie einen Paradigmenwechsel ankündigt und damit alle sich neu bestimmen und ausrichten müssen. Es sorgt für Bewegung, Unruhe und damit Lebendigkeit. Es ist schwer in seiner Qualität zu definieren, da diese Kriterien sich erst an der Sache entwickeln müssen und es sorgt für hochgradige Verunsicherung.“(Koschek, Projekte schlagen Wellen, 2016, Seite 52.)
Bei Susanne Bosch ist deutlich spürbar, dass sich hier die Begriffe erweitern, sie zieht den Menschen, ihr soziale und räumliche Situation, die politischen Gegebenheiten und ihre eigene Perspektive mit ein. Somit ergibt sich eine ganzheitliche Kunst, die sich aus der Verantwortung gegenüber dem Leben speist. Ihre begegnungsschaffende Kunst ermöglicht etwas unsichtbar Geistiges.
Ein weites Feld oder sind es Felder? Das Feld des Künstlers, des Betrachters (Beteiligtem), das gemeinsame Feld und das kosmische (universelle) Feld?

Felder
ständiger Diskurs
immer im Prozess
kollektiv
geographisch
politisch
sprachlich
zeitlich
subjektivin diesem Moment
für mein Verständnis
ich lerne ständig etwas dazu
mich dauernd korrigieren
Ideen
Orte
Felder

Bei eingehender Betrachtung begleiten diese Stichworte mein heutige Dasein alltäglich. Meine Verunsicherung über die Werte, über unser soziales Miteinander, über die Katastrophe des Kapitalismus, über die Suche nach Lösungen und Zukünften.
Es gibt keine Gewissheiten, keine allgemeinen Wahrheiten mehr. Was ist in (nicht nur) Zeiten der Pandemie richtig? Wie kann ich mit dieser Verunsicherung umgehen? Den Diskurs mit Querdenkern suchen? Die Möglichkeiten des Dialogs erweitern? Meine subjektive Wahrheit?
Was mache ich damit, dass sich meine Welt in eine äußere und innere differenziert? Und wie kann ich beides dann wieder verbinden? Wie mache ich denn das?
Und weiter auf dem Weg des Spürens, des Lesens mit dem Herzen. Der vordergründige Impuls bei Kandinsky und Marc war die Freiheit? Doch dringen wir tiefer ein, dann erkennen wir, das da noch mehr ist. Was war da noch? Die innere Notwendigkeit! Bewußtheit für die Welt! Achtsame Pflege des verborgenen Selbst. „Um die Gegenwart auf schöpferische Weise mit der Zukunft zu verbinden, bedürfe es vielmehr eines freien, offenen, auch bewußt unscharfen, intuitiven Wahrnehmens und Denkens. (Kandinsky, nach Kurt, Wachsen, Seite 27)
Und damit sind wir wieder in unserer Zeit, hoch aktuell und am Rand der Äußeren Welt, wie Hildegard Kurt das nennt. Das, was die klassische Moderne in der Kunst versucht hat, war fünfzig Jahre später mit Beuys in der Kunst und gemeinsam mit anderen in der Politik und dem Miteinander spürbar.
Damit wird für mich der Bogen der klassischen Modernen zur heutigen Zeit erkennbar. Rund 100 Jahre später erkenne ich, dass das, was der damaligen Avantgarde wichtig war sich heute im meinem Alltag wiederfindet: Die Suche nach dem Geistigen und damit nach neuen Formen der äußeren Welt.

Dieter Koschek

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