Juni 16, 2022

Friedenshaltung bewahren

Im Februar 2022 überraschte „Putins“ Angriffskrieg gegen die Ukraine mich und viele andere. Dass „Putin“ nicht mehr unbedingt zur „friedlichen“ Weltgemeinschaft zu zählen ist, war ja schon 2014 klar, als „er“ die Krim annektierte und die Separatisten im Osten der Ukraine unterstützte. Doch damals war das für Viele ein regionaler Konflikt, erst mit den Bombenangriffen auf Ziele in der ganzen Ukraine und dem Vormarsch auf Kiew verließ Putin den Boden der „üblichen bewaffneten Konflikte“, der als weltweit annehmbar galt.
Rund 20 Kriege und bewaffnete Konflikte weltweit brachten die Weltgemeinschaft nicht aus der Ruhe, aber mit den Bomben auf Kiew durch eine Atommacht war der Frieden dahin.
Das ewig alte imperialistische Machtdenken durch Gewalt schien seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr in diese Welt zu gehören. Es gab schließlich auch andere nicht so gewaltvolle Wege, Macht zu erlangen und zu erhalten. Und die wurden von allen Großmächten gleichermaßen angewendet. Ich denke dabei an die „Verteidigung deutscher Interessen am Hindukusch“.
Seit Putin die rote Linie überschritten hat, ist zumindest die westliche Welt außer sich.
Ich als Pazifist und viele Andere haben eine schwere Zeit. Meine Grundüberzeugungen für eine friedliche Welt geraten unter starken Druck. Die deutsche Friedenspartei „Die Grünen“ sind die lauteste Stimme für Waffenlieferungen an die Ukraine (außer den Hardlinern der NATO). Abgesehen davon, daß alle großen deutschen Medien (sogar die Satiresendung „heuteshow“ im ZDF) zur Kriegspartei werden und im Blitzlichtgewitter der Kriegspropaganda nichts verschont bleibt. Kritik am neuen „Heilsbringer“ NATO wird zur Sünde, Vernunft und Moral werden zu Waffen gegen die ukrainische Bevölkerung, Pazifisten werden zu Mördern, während Soldaten und Panzer zu Helden für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit werden und „wir unsere Werte“ in der Ukraine verteidigen „müssen“. Es wird selbst die atomare Zerstörung der Welt wieder aktuell.
Damit werden selbst Pazifisten zur Kriegspartei erklärt.
Doch egal, ob Angriffskrieg oder nationale Verteidigung, mein Gewissen sagt eindeutig NEIN zu Waffen, Aufrüstung, Gewalt und Töten! Natürlich spüre ich die Angst vor Gewalt, Schmerzen und Tod, aber welches Gefühl oder welche Haltung soll mich dazu bringen Gewalt, Schmerzen und Tod anderen zuzufügen? Welches „wir“ soll mich in den „Verteidigungs-“ Krieg ziehen lassen?
Dafür spricht für mich nichts!
„Gewalt“ kann keine Lösung für irgend etwas sein. Weder wird „Putin“ siegen noch „der Westen“ oder „die Ukraine“. Für alle hat dieser Angriff und die Verteidigung mit Waffen Folgen, die wir heute noch nicht überblicken. Wir sehen die Verrohung der Menschlichkeit in den „Kriegsverbrechen“, wir sehen den Tod und das Leid der Menschen, die Zerstörung ihrer Wohnungen und Häuser, der Straßen, der Gewerbe, der Landwirtschaft. Das Verlassen jeglicher Menschlichkeit, die Brutalität und Grausamkeit in den Handlungen von Soldaten und ihren Vorgesetzten.
Und diese Haltung bedeutet auch Hilfslosigkeit angesichts dieser rohen Gewalt, doch es zeigt sich mancherorts die Größe dieser Haltung der Friedfertigkeit. Bei dem einsamen Mann mit der Plastiktüte vor dem Panzer auf dem chinesischen Tiananmen-Platz 1989, bei den Menschen, die bei der Nelkenrevolution in Portugal Blumen in die Gewehrläufe steckten, bei Nelson Mandela, der 27 Jahre im Gefängnis für Freiheit und Gleichheit saß. Es gibt viele Menschen, die sich mit friedlichen Mitteln für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit engagieren oder sogar ihr eigenes Leben für das Leben anderer geben.
Die Frage, ob ich so mutig sein werde, stellt sich gar nicht. Nicht jede/r muß sein/ihr Leben riskieren! Es gibt viele Stufen eines friedvollen Engagements vor dieser Endgültigkeit.
Und die Frage nach „gewalthafter Verteidigung“ stellt sich auch nicht, wenn wir die vielen Versäumnisse unserer Welt bei der Erhaltung des Friedens uns vergegenwärtigen. Wir haben keine Gleichheit vor dem Recht, unsere Freiheit ist weltweit durch Kapitalismus und Ungerechtigkeit eingeschränkt und unsere individuelle Entwicklung zu friedlichen Menschen wird durch Konkurrenz, aber auch Liebesverlust und vieles andere behindert. Unsere Lebensgrundlage wird durch unsere Abspaltungen gefährdet und das löst Angst aus.
Der Schock über den Angriffskrieg der russischen Armee auf die Ukraine löst bei mir den Impuls aus, über Möglichkeiten einer „zivilen Verteidigung“ nachzudenken, ebenso die Einsicht, dass internationale Beziehungen durch internationale Organisationen wie die UNO, durch Handel und gegenseitigem Respekt friedensbildend sind.
Selbstkritik, friedenspolitische Ideen, Gedanken über „zivile Verteidigung“, über Deeskalation, über Atomwaffenverbote, Neutralität, Krisenprävention und zivile Konfliktbearbeitung – das sind die Themen der PazifistInnen.
Da war ich über den Bodensee-Friedensweg am Ostermontag in Bregenz froh. Dort war die Mehrheit sich einig darüber, dass diese Aggression zu verurteilen ist, der Krieg beendet werden muß und humanitäre Hilfe für die leidtragende Bevölkerung und die Flüchtlinge notwendig ist.
Es wurde aber auch auf die Sprachlosigkeit „des Westens“ über die restlichen Kriege auf unserer Welt hingewiesen. Zirka ein Viertel der Weltbevölkerung leidet unter kriegerischen Konflikten.
Und es wurde auf „unsere“ Irritationen als Pazifisten hingewiesen. Schön war es dabei die Ermutigung zu spüren, an den Idealen der Friedensbewegung festzuhalten. Eine Friedenshaltung bewahren, zu der Lea Suter in ihrer Rede sagte: „Friedenshaltung ist das permanente Ringen um den maximal möglichen Frieden, ein Kampf, für den viele Menschen weltweit immer wieder ihr Leben riskieren oder verlieren.
Friedenshaltung meint die Zuversicht, dass Frieden möglich ist und dass wir an Frieden glauben trotz allen Rückschlägen, trotz allen neuen und andauernden Kriegen. Und dass wir ihn mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften anziehen: mit unseren Gedanken, mit unseren Herzen, mit unseren Taten und mit unserem Sein.
Frieden lässt sich nicht erzwingen. Vielmehr ver-stehe ich Frieden als Lebewesen. Weder eine Blume noch ein kleines Kind müssen wir in die Größe ziehen, damit sie wachsen. Sie wachsen aus sich selbst heraus. Unsere Aufgabe ist somit weniger das Schaffen von Frieden, als ein solches Wachsen-Lassen. Nicht durch Passivität, sondern durch die aktive Pflege der Umstände, in denen er gedeihen kann.“
Sie zeigte auch fünf Punkte auf, die unsere Friedenshaltung festigen können:
Die Komplexität aufzeigen und aushalten
Feindbilder dekonstruieren
Inklusive Lösungen suchen
Aus der Bedrohungsspirale ausbrechen
Verurteilungen meiden und konfliktsensitiv handeln.
In Zeiten eines Angriffskrieges nicht besonders einfach zu bewerkstelligen. Doch diese Punkte zeigen genau auf, wie wir in dieser Zeit unsere Menschlichkeit bewahren können. Ruhig, besonnen und „vernünftig“ bleiben.
Dieter Koschek

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