November 2, 2021

Das offene Gespräch am Ende der Diskussion

Der Dialog nach David Bohm

Auf einem Ausflug nach Berlin traf ich meine Freundin Susanne, mit der ich schon oft über Fragen der Begegnung, der Verbundenheit und des sozialen Miteinanders gesprochen habe. Doch im Herbst 2021, nach den Bundestagswahlen warten wir etwas konsterniert. Die Zunahme der weltweiten Gewalt, des Dissens gerade durch Corona, des Hasses und des Mobbings in sogenannten sozialen Medien, die Vielzahl der Parteien in Deutschland, die zur Wahl standen – aber auch die vollkommene Unübersichtlichkeit in der Kunst (Alles ist möglich.) ließen uns fragen, wie wir denn zum diesem Wir, dem Sozialen Miteinander kommen können. Anscheinend lief alles in die andere Richtung.
Doch das wollte/konnte ich nicht glauben. In meiner Projektarbeit kann ich doch täglich erfahren, wie Menschen sich nach dem ‚Wir‘ sehnen, wie sie Gespräche, Kreise und Initiativen bilden und dort dieses ‚Wir‘ pflegen. Allein bei uns im Eulenspiegel in Wasserburg pflegen wir vier Gesprächskreise. In einem (!) Haus – ohne die wirklich privaten Gespräche.

Auf dem Sommercamp in Achberg wurde ich in einem Workshop auf den Dialog gestoßen. Ich forschte weiter und fand „Der Dialog“ von David Bohm, der als Quantenphysiker sich intensiv mit dem Dialog auseinandergesetzt hat. Und beim Lesen ging mir sogleich ein Licht auf.
Er schreibt übers Zuhören „wenn wir alle unsere volle Aufmerksamkeit dem zuwenden können, was konkret die Kommunikation ‚blockiert‘, während wir gleichzeitig gebührend auf den Inhalt dessen, worüber kommuniziert wird, achten, werden wir vielleicht in der Lage sein, gemeinschaftlich etwas Neues zu schaffen – etwas, das für die Beendigung der gegenwärtig unlösbaren Probleme des Individuums und der Gesellschaft von allergrößter Bedeutung ist.“

Das elektrisierte mich. Dem anderen UND sich selbst zuhören. Soweit hatte ich noch nicht gedacht.

Auch eine weitere Regel gehört ja zum Allgemeinwissen. Von Herzen sprechen. Dazu Bohm: „Von Herzen sprechen heißt, seine eigene Wahrheit aussprechen. Wir versuchen im Dialog, von dem zu sprechen, was uns wirklich bewegt. Intellektuelle Höhenflüge, abstrakte Abhandlungen und Selbstdarstellungen führen nicht weiter.“

Für mich ist es jetzt nicht wichtig, die Regeln eines formalisierten Dialogs zu studieren. David Bohm geht auch darüber hinaus. Er untersucht in seinem Buch das Denken, das, was unserem Denken zu Grunde liegt und dass wir letztlich durch die Grundprinzipien des Dialogs – das In-der-Schwebe-Halten, Sensibilität, der Impuls der ‚Notwendigkeit‘ – uns in die Lage versetzen „einen gemeinsamen Geist (Leib) zu schaffen. Wenn wir es alle schaffen, das Ausführen unserer Impulse in der Schwebe zu halten, unsere Annahmen in der Schwebe zu halten und alles zu betrachten, befinden wir (die Teilnehmenden des Dialogs) uns alle im selben Bewusstseinszustand. Und damit haben wir etwas erreicht, von dem viele Leute sagen, dass sie es anstreben – ein gemeinsames Bewusstsein.“

Nicht das eigene Bewusstsein zu erweitern, sondern ein gemeinsames Bewusstsein zu schaffen. Das eröffnet doch viele neue Möglichkeiten.

Bohm beschäftigt sich auch, so schreibt Lee Nichol im Vorwort des Buches, „mit der Beziehung zwischen dem ‚wörtliche Denken‘ und dem ‚partizipierenden Denken‘. Das wörtliche Denken ist praktisch und ergebnisorientiert, und sein Ziel ist es, voneinander getrennte, eindeutige Bilder der Dinge zu formen, „so wie sie sind“. Das wissenschaftliche und das technische Denken sind zeitgenössische Varianten des wörtlichen Denkens. Bohm zufolge ist zwar das wörtliche Denken seit Anbeginn der Zivilisation vorherrschend gewesen, aber eine archaischere Form der Wahrnehmung, die sich in der langen Evolution des Menschen herausgebildet hat, ist latent (und gelegentlich aktiv) in der Struktur unseres Bewußtseins erhalten geblieben. Diese nennt er ‚partizipierendes Denken‘. Sie ist eine Art des Denkens, in der Grenzen als durchlässig empfunden werden, Objekte auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden sind und die Bewegung der wahrnehmbaren Welt als teilhabend an irgendeinem vitalen absoluten Sein empfunden wird.“
Das, was viele in meinem Bekanntenkreis anstreben oder es schon kennen, die Verbundenheit, wird hier durch teilnehmendes Denken in einem Dialog ermöglicht.

Ein zentrales Element im Bohmschen Dialog ist die Aufmerksamkeit. Weiter mit Lee Nichol. „Schließlich äußert Bohm Zweifel daran, ob irgendeine Form des Denkens das fassen kann, was er das ‚Unbegrenzte‘ nennt. Da es eben die Natur des Denkens ist, aus der Welt um uns herum begrenzte Abstraktionen auszuwählen, kann es dem ‚Grund unseres Seins‘, dem Unbegrenzten, nie wirklich nahekommen. Aber gleichzeitig ist es ein intrinsisches Bedürfnis des Menschen, die ‚kosmische Dimension‘ der Existenz zu verstehen und mit ihr in Verbindung zu treten. Diese scheinbare Disjunktion in unserer Erfahrung geht Bohm mit der These an, daß die Aufmerksamkeit im Gegensatz zum Denken potentiell unbegrenzt und daher fähig ist, die subtile Natur des ‚Unbegrenzten‘ zu erfassen.“

Zusammenfassend ist dies ein Buch, das mich fragend zurück läßt. Es deutet neue Dimensionen des Miteinander an, basierend auf dem Dialog, dem aktiven Zuhören und eröffnet Wege zu einem gemeinsamen Bewußtsein und der Verbindung mit dem göttlichen in mir. Einfach durch eine andere, aufmerksamere Weise des Gespräches. Faszinierend, unfassbar und doch so naheliegend. Und anscheinend unendlich schwer.

Dieter Koschek

David Bohm, Der Dialog: Das offene Gespräch am Ende der Diskussion, Klett-Cotta, 2014 von Lee Nichol (Herausgeber), David Bohm (Autor), Anke Grube (Übersetzerin)

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