August 18, 2026

Die Welt ist voller Lösungen

Fast 80 „Transformationsansätze“ stellt Hans Holzinger in seinem Buch „Wirtschaftswende“ (2024) vor. Inspiriert von dem Film „Tomorrow“, dessen Untertitel auch die Überschrift dieser Rezension ist. Für meine Verhältnisse ist allein dieser Teil des Buches (Teil III) schon die Anschaffung wert, denn die Zusammenstellung gibt Hoffnung, das in der Zeit „multipler Krisen“ noch lange nicht alles untergeht. Denn diese meist praktischen Ansätze werden von Menschen, Initiativen und Projekten verfolgt und weiterentwickelt. Diese Ansätze bebildern die notwendigen ‚Wenden‘ in unserer Zeit und dank den Anmerkungen und den Literaturangaben (sowie dem Internet) sind sie alle auffindbar. Wer will, findet immer einen Weg zu den PraktikerInnen. Als »Transformationsansätze« wurden institutionelle Reformvorschläge sowie praktische Neuansätze für die Energie-, Stoff-, Mobilitäts-, Stadt-, Arbeits-, Sozial- und Ernährungswende ebenso skizziert wie Vorschläge für die Finanz- und Steuerwende.Unsere LeserInnen kennen sicherlich viele davon: von der regenerativen Landwirtschaft über Solidarische Landwirtschaft, von Car-Sharing zu ‚Cradle to Cradle‘, vom gemeinschaftlichen Wohnen zu Tauschringen, … Zu jedem dieser Beispiele in 11 Kapiteln findet sich eine Einschätzung Holzingers, die am Ende der Kapitel nochmals zusammengefasst werden.

Als ein Beispiel seien Neue Wohnformen genannt. „Die Homepage »neuewohnformen.de« informiert über Wohnprojekte in ganz Deutschland, die über eine digitale Landkarte abgerufen werden können. Auch in Österreich und der Schweiz gibt es erste Gemeinschaftswohnprojekte. Beispiele findet man auf »gemeinsamwohnen.at« bzw. beim Verband der Baugenossenschaften Schweiz oder der bei der Age-Stiftung. Neuen Wohnformen zuzurechnen sind auch Konzepte, die dem Leerstand entgegenwirken. Dabei geht es um Abwanderung aus ländlichen Regionen ebenso wie um überdimensionierten Wohnraum, wenn beispielsweise die Kinder das Elternhaus verlassen. Der Wohnwende-Experte Daniel Fuhrhop hinterfragt das ständige Neubauen und empfiehlt innovative Wege der Nutzung des bestehenden Wohnraums. Dazu zählen Wohnungstausch und „Wohnen für Hilfe“, ebenso wie die multifunktionale bzw. Umnutzung von öffentlichen oder alten Industriegebäuden. Der »unsichtbare Wohnraum« ungenutzter Zimmer oder Einliegerwohnungen, oft ehemalige Kinderzimmer, könne in Deutschland pro Jahr 100.000Wohnungen liefern, wenn man die dafür nötige Unterstützung aufbaut, so Fuhrhop.

Wohnen wird in Zukunft mehr sein, als in seinen vier Wänden zu hausen. Wir brauchen resiliente Gemeinschaften und eine Wiederbelebung von Nachbarschaften. Wie ökologisches Bauen mit einem neuen Miteinander zusammengehen können, zeigt beispielsweise das Projekt Vauban in Freiburg, in dem Baugruppen eingeladen waren, ihre Projekte zu realisieren. Auf einem ehemaligen Kasernengelände der französischen Streitkräfte entstand auf einer Fläche von insgesamt circa 41 Hektar das innenstadtnahe Quartier. Ein attraktiver, familienfreundlicher Stadtteil für circa 5.300 EinwohnerInnen, in dem Bürgerengagement, Gemeinschaftsbildung und umweltbewusstes Leben großgeschrieben werden.“

Auch der vierte Teil des Buches ist eine Art Überblick über makroökonomische Konzepte. Etwa 35 Konzepte der unterschiedlichsten AutorInnen legt Holzinger vor und versieht sie ebenfalls mit seinen Einschätzungen. Allein die Anzahl zeigt wie schwierig es sein dürfte hier ein neues Konzept, eine Vision, ein Modell zu finden, geschweige denn von einem gemeinsamen Weg. So sieht es wohl auch Hans Holzinger, der in seinem Resümee und Ausblick die Grenzen und Chancen der Ansätze diskutiert.

So schätzt er die Gemeinwohlökonomie ein: „Christian Felber unterbreitet konkrete Vorschläge zur Umgestaltung der Wirtschaft, die über Corporate Social Responsibility und Gemeinwohlbilanzen hinausgehen und stattdessen strukturelle Eingriffe vorsehen. Am weitesten gehen die Abschaffung von börsennotierten Unternehmen, die Begrenzung des Eigentums durch eine mit der Größe des Unternehmens wachsende Mitsprache der Belegschaften sowie die Relativierung des Erbrechts – die Führung von Unternehmen soll von Belegschaften gewählt werden, was einen großen Sprung in der Wirtschaftsdemokratie bedeuten würde.“

Eine „moderne Bedarfsökonomie in einer offenen Gesellschaft“, so fasst Holzinger seine Erkenntnisse zusammen und gibt noch eine Empfehlung zur weiteren Diskussion:

  • Abschied von unserer imperialen Lebensweise
  • Abschied von fossilen Energieträgern
  • Begrenzung von Eigentum
  • Bewusstsein schaffen, Widerstand leisten, sich empören, Druck von unten erzeugen
  • Eine ökologische Verfassung erstellen und umsetzen

Damit sich in der Politik etwas tut, braucht es Allianzen aus NGOs, Initiativen, nachhaltigen Unternehmen, erneuerten Gewerkschaften und für den Wandel offene PolitikerInnen. Die Wege der Transformation sind vielfältig! Das Buch von Hans Holzinger trägt zu zum „Großen Wandel“ bei.

Dieter Koschek

Hans Holzinger: Wirtschaftswende. Transformationsansätze und neue ökonomische Konzepte im Vergleich. oekom Verlag, München 2024; 416 Seiten

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