April 19, 2026

50 Jahre Eulenspiegel 1.

Am 17. Mai 1976 eröffnete die Gaststätte „Zum Eulenspiegel“. Das Haus sollte zum Experimentfeld des Modell Wasserburgs werden. Ausprobieren wollten die Gemeinschaftsmitglieder die Idee der Sozialen Dreigliederung im kleinen Modell.

Die Ansprüche waren hoch und hier soll jetzt nicht nur gefeiert werden, sondern ein kritischer Blick zurück gewagt werden.

Grund für diesen Rückblick ist die Arbeit einer Dokumentation der 50 Jahre Eulenspiegel. Über zwei Jahre lang wurden Fotos gescannt und Dokumente gesichtet, ausgewählt und gescannt. Eine Bilderbuch zum Anschauen und weniger Texte der Reflexion.

Bereits nach kurzer Zeit war ersichtlich, dass die Ideale zwar da waren, aber der Alltag im Projekt zunehmend das Denken beschäftigte. Gastronomie, Kulturarbeit, Gemeinschaftsleben, Hausverwaltung, und und und drängte sich in den Vordergrund.

Und trotz 50 Jahren erstaunt es, dass es immer Konflikte gab. Und zwar fast von Anfang an.
Mehrere Größere in der Gemeinschaft mit verschiedenen Mitgliedern.

Andauernde kleine: Vereinsarbeit, Peters Betreuung, Arbeitszeiten, fehlendes Geld, zu wenig Geld, Überforderung, Krankheiten, Abhängigkeiten, …

Haben wir heute was gelernt? Ja, aber wer ist denn „wir“? Es ist schwierig, diese Konflikte öffentlich zu beschreiben, vielleicht auch nicht geboten. Mitglieder, die gegangen sind sehen die Konflikte meist anders, als die, die geblieben sind.

Die Arbeits- und Lebensgemeinschaft Eulenspiegel hatte zu Beginn ja tägliche Zusammenkünfte, bei denen über die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Mitglieder gesprochen wurde. Die Werte dabei waren sicher hilfreich in einigen Fällen. In anderen nicht. Im Nachhinein bleibt mir eigentlich nur der Blick auf die Ursachen, um besser verstehen zu können, warum unser Gemeinschaftsleben so „lebendig“ war.

Die Konfliktursachen werden (und wurden) sehr unterschiedlich wahrgenommen, jeder hat seine/ihre eigene Wahrnehmung geprägt durch sein/ihr Wesen und seine/ihre Sozialisation inklusive Traumata.
Die meisten Mitglieder der ersten Jahren (mich eingeschlossen) hatten ja kaum Erfahrung mit gemeinschaftlichen Leben, mit „Gruppe“. Und wenn, dann meist mit der traditionellen Familie, dem autoritären Schulwesen, und dem egoistischen Zeitgeist der Nachkriegszeit. Also eher gesellschaftliche Ursachen.
Kann ich vermuten, was die Ursachen sind?

Vielleicht zu wenig Anerkennung für die eigene Leistung! Zu wenig erfahrene Liebe/Interesse!
Nicht eingestandene oder nicht erkannte Über/Unterforderung! Erkennen, dass ich was anderes will und diese Erkenntnis teilen muß.
Immer im Spannungsfeld zwischen Individualismus und Gemeinschaftlich zu leben ist eine Herausforderung.

Dazu kommen Sympathie und Antipathie, enttäuschte Liebe, enttäuschte Erwartungen, ein ungeklärtes Bauchgefühl, Ahnungen, die nicht artikuliert werden konnten/wollten.

Nicht Recht bekommen!? Konfliktursachen sind ein weites Feld.
Wir haben ja auch die Förderung von individueller Entwicklung im Geistigen und Sozialen versucht. Aber keine/r weis, wie eine Entwicklung verläuft. Bestimmt nicht geradlinig auf ein Ziel zu, sondern vielleicht in Wellen, im Kreis, gar rückläufig???
Vielleicht auch Ungeduld, wenn Fortschritte nur sehr langsam passieren und sichtbar werden.

Fortschritte gab es sehr wohl. Die einzelnen Mitglieder wurden selbstbewußter, viele offene Fragen konnten gemeinsam positiv geklärt werden – und alles wiederholte sich, wenn neue Menschen in die Gruppe kamen. Vielleicht wurde es ja dann auch wieder schwerer, weil die Gründungsphase und die Impulse nicht gemeinsam erlebt worden waren. Und damit auch, dass die „alten Hasen“ sich immer wieder mit ähnlichen Fragen und Erwartungen konfrontiert sehen mussten.

Gelernt habe ich wohl, dass Konflikte fester Bestandteil meines Lebens und von vielen anderen sind.

Geholfen hat über eine lange Zeit, dass sich immer wieder einige auf diesen Prozess eingelassen haben. Unterstützt durch die Weisheit erst von Peter, später von den Vielen, dem gemeinsam Geschöpften.

Und trotzdem fängt es immer wieder von Neuem an. Heute sind wir keine Lebensgemeinschaft mehr, sondern Mitglieder in einem Verein, der das Projekt erhält und mit Leben füllt. Es werden neue, jüngere Menschen dazu kommen und auf die Erfahrung der inzwischen „ganz alten Hasen“ treffen.

Wir arbeiten daran, den Staffelstab weiter zu geben. Die vergangenen „Ismen“ zu überwinden, eine Öffnung zu gestalten ohne dabei die Ursprünge zu vergessen. Wir formulieren derzeit eine „neue“ Satzung des Vereins mit neuem Namen: „Eulenspiegel – Verein zur Förderung von Kultur und Begegnung“, um, so hoffen wir, weiteren Menschen den Zugang zum Eulenspiegel zu ermöglichen.
Wir sind kein „Modell“ mehr, sondern eine Gruppe von Menschen, die ihr Umfeld solidarisch gestalten will. Der Verein Eulenspiegel bietet Raum für selbstbestimmte geistige Entwicklung, ein gleichberechtigtes soziales Miteinander (Selbstverwaltung) und setzt sich ein für eine Wirtschaft, die den wirklichen Bedürfnissen der Menschen und der Natur gerecht wird.

Dieter Koschek

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