Stellen wir uns das Jahr 1976 vor. Die Revolution der Studenten warf ihre Schatten in alle Regionen und sogar Kleinstädte in Europa. Ich war in der Jugendzentrumsbewegung aktiv – und Selbstorganisation war das Hauptwort unserer Bewegung. Die alte kirchliche Jugendarbeit wurde aufgerissen und erweitert. Die Unis erlebten eine bewegende Zeit, neue Formen des Lernens wurden erprobt. Die Frauenbefreiung kam auf einen weiteren Höhepunkt, Kinderläden und freie Schulen formierten sich. Tatjana erzählt, dass die Forderung,“die Schüler wählen ihre Lehrer selber“ sie so mitriss, dass sie nach Wasserburg ging, um von Peter Schilinski zu lernen – und Jahrzehnte blieb.
Dazu kam die Ökologiebewegung mit dem Kampf gegen die AKWs. 1977 in Malville bei einer großen Demonstration gegen den Bau des Schnellen Brüters traf ich das erste Mal auf die Leute vom Eulenspiegel. Dann kam Kalkar, später Wackersorf und viele andere Standorte. 1980 wurde die freie Republik Wendland von AKW-Gegenerinnen ausgerufen! Ein Höhepunkt dieser Zeit war die Friedensdemonstration 1982 im Bonner Hofgarten mit 500 000 Teilnehmerinnen.
Peter Schilinski war einer der Vordenkerinnen dieser Bewegungen. Früh schon engagierte er sich gegen die Wiederbewaffnung, gegen atomare Gefahren und für die Volksabstimmung, die Erweiterung der Demokratie.
Und mitten in diesen Jahren eröffnete der Eulenspiegel als eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, einer Lebensform, die in dieser Zeit entstand. Die Künstlerkolonie im Witthüs auf Sylt bezeichne ich gerne als erste Kommune Deutschland 1953. Auch hier war Peter ein Vordenker.
Heute zählt „Eurotopia“, das Verzeichnis von Gemeinschaften über 550 intenionale Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften haben das soziale Lernen im Ziel. Wie kann das Individuum und die Gemeinschaft sich wirksam miteinander verbinden? Das beschäftigt uns im Eulenspiegel bis heute.
Während die Band „Ton, Steine Scherben“ ‚Keine Macht für Niemand‘ sangen, stellte Peter die Soziale Dreigliederung in den Mittelpunkt seines und unseres Tun. Kein Glied darf über das andere herrschen, sondern alle drei (Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben) stehen gleichberechtigt nebeneinander und miteinander verbunden da. Und gliederten die Parole der französischen Revolution den Gliedern zu. Eine notwendige und wichtige Einschränkung der Freiheit. Die Freiheit gilt im Geistigen. Peter hat bereits 1958 seine Zeitschrift ‚jedermann‘ als werbefreie Zeitung gegründet. Bezahlte Werbung, bzw. Kapital, verhindert geistige Freiheit. Auch heute hat der ‚jedermensch‘ keine Werbung. Ein freies Lernen wird versucht in über 1000 freien Kindergärten und Schulen. Peter half dabei einigen mit auf den Weg.
Das Lernen und Üben stand immer im Vordergrund. Und die Methode war das Gespräch. Zu Beginn des Eulenspiegels fanden wöchentlich neben den täglichen Gesprächen der Mitarbeiter*innen, dreimal die Woche das ‚Öffentliche Rundgespräch‘ statt und drei Arbeitskreise. Lesen, Zuhören und Sprechen. Peter prägte das Wort „Liebe ist Interesse am Anderen“.
Die Gaststätte war ein Teil der Kollektivbewegung, die sich Ende der 70er Jahre formierte. Selbstverwaltete Betriebe gründeten sich allerorten. Und Selbstverwaltung bedeutete, dass es keine Hierarchien geben soll, keine Vorteile fürs Kapital, kein Wirtschaften für den Profit, sondern für die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und der ‚Kund*innen‘. Der Eulenspiegel im Besitz der Mitarbeitenden (in Form von einem Verein), tägliche Betriebsplanung und immer den Blick auf die Seelenlage der Belegschaft. Wir experimentierten mit Bedarfslöhnen, gemeinsamer Kasse, andere Formen der Krankenversicherung, denn Lohnarbeit ist Sklavenarbeit.
Bald schon waren biologische Lebensmittel im Eulenspiegel zu haben, vor allem Gemüse, Obst und Getreide, um 2000 herum wurde der Eulenspiegel als Biogaststätte zertifiziert und 2011 gesellte sich ein Bioladen dazu.
Neben der Kulturarbeit, zu Beginn mit der Gesprächsarbeit, später mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und vielem mehr (das ‚baf‘, der Bodensee Art Fund, war von 2011 bis 2016 ein Highlight dieser Arbeit) war und ist der Eulenspiegel immer ein Möglichkeitsraum.
Der Eulenspiegel war somit immer ein höchst politischer Akt. Die Parole ‚Das Private ist politisch‘ wurde hier gelebt. Aber, wie erwähnt, auch das Gesellschaftspoltische ist immer ein wichtiger Bestandteil unseres Projektes gewesen. Ausgehend von den Impulsen der Sozialen Dreigliederung war die Gestaltung der Gesellschaft ein wesentlicher Teil unserer Arbeit. Deshalb heißt auch unser Verein „Modell Wasserburg“ – der Eulenspiegel sollte ein Versuchslabor der politischen Gestaltung der Gesellschaft sein. Wobei es keine Parteipolitik war, sondern immer der einzelne Mensch und die Sozialen Bewegungen, die diese auslösten, die Politik machten. Schon sehr früh sah Peter in Parteien keinen Zukunftsimpuls. Die inneren Strukturen und der Wunsch nach „Macht“ führen dazu, dass die Parteien oft genug im Widerspruch zu ihren Ansprüchen stehen.
Kommunalpolitisch war das etwas anderes. Einige der Eulenspiegler*innen engagierten sich in Wasserburg für die Kommunalwahlen, wurden allerdings nie in den Gemeinderat gewählt.
Wir waren eher so was wie ein „kreatives Wir“ – und damit sind wir auch heute noch ein Impuls, der mit Tat und Wort und Zielen die Richtung mit vorbringt, in die unsere Gesellschaft sich entwickeln soll und wird.
Somit sind wir nach 50 Jahren immer noch ein Zukunftsort.
Dieter Koschek