April 19, 2026

50 Jahre Eulenspiegel 2.

Der „Eulenspiegel“ ist aus dem Ortsgeschehen in Wasserburg nicht mehr wegzudenken. Das schöne Fachwerkhaus mit den hohen Bäumen ist eine Augenweide. Und auch das Angebot läßt sich sehen. Ein Bioladen trägt zur Lebensmittelgrundversorgung bei, die Cafés sind meist gut besucht, die Kneipe temp (einmal im Monat) ist der Renner und im Kulturraum findet eigentlich jeden zweiten Tag ein kulturelles Angebot statt.

Was die meisten nicht wissen, ist, dass dieses Gesamtprojekt von einem gemeinnützigen Verein getragen wird: Modell Wasserburg e.V.. Dieser hat die Aufgabe zur Förderung der Volksbildung Kulturzentren und Begegnungsstätten zu schaffen.

Und das passiert seit 1976 in verschiedenen Formen. Der Name des Vereins kommt aus der Gründungszeit. Die Mitglieder wollten im Eulenspiegel ein Modell für gelebte, soziale Dreigliederung schaffen, daher auch der Name. Unter Sozialer Dreigliederung, einem Impuls von Rudolf Steiner, versteht der Verein Freiheit im Kulturleben, gleiche Rechte in einer Demokratie und eine kooperative, auf den Bedürfnissen der Menschen begründete Wirtschaft. Für Peter Schilinski, den charismatische Mitgründer, war dies ein ganz besonderes Anliegen. Er hat in der Vergangenheit dazu viel geforscht und entwickelt. Er war auf Sylt und in Hamburg in Teestuben politisch aktiv, bevor er das Internationale Kulturzentrum Achberg (INKA) mitgründete. Das INKA war ein Zentrum der „Dreigliederer“, doch Peter Schilinski wollte immer nahe an den Menschen sein und vor allem mit jungen Menschen arbeiten. Das war nicht immer Konsens und so suchte die Gruppe um Peter Schilinski einen neuen Wirkungsort und fand in letztlich im ehemaligen Tanzcafè Ullmann in Wasserburg.

Der Eulenspiegel öffnete am 17. Mai 1976 seine Pforten. Die Hauptarbeit des „Modell Wasserburg“ waren Gespräche: tägliche Gespräche der Mitglieder, dreimal wöchentlich öffentliche Rundgespräche und Lesekreise mit anschließender Gesprächsarbeit. Durch diese Gesprächsarbeit sollte das gute Miteinander der Gruppe, aber letztlich aller, erleichtert werden. Peter Schilinski prägte die Sätze: „Wahrheit und Liebe verbinden ist die einzige Möglichkeit, um positiv wirksam zu werden. Ohne das Interesse am Anderen und ohne Selbsterkenntnis hat die politische Arbeit kein Fundament“. Seine Zeitschrift, der „jedermensch“ verbreitete die Ideen und die Berichte aus der Gruppe, nahm aber auch zu aktuellen politischen Fragen Stellung, immer im Sinne der o.g. „Dreigliederung“.

Peter Schilinski starb Weihnachten 1992. Die vor Ort lebenden Mitglieder führten das Projekt weiter. Die kulturelle Arbeit wurde erweitert mit Konzerten, Ausstellungen, Lesungen und ähnlichem, während die bisherige interne Gesprächsarbeit schwieriger wurde. Neue Mitglieder brachten neue Ideen ein und der Eulenspiegel wurde vielfältiger.

Das Leben in einer Gemeinschaft und das selbstorganisierte Arbeiten (in der Gaststätte) waren weiterhin die Basis des Projekts. Doch die Gemeinschaft Eulenspiegel unterlag auch den individuellen Entwicklungen ihrer Mitglieder. Das Interesse an der gemeinsamen geistigen Arbeit in der bisherigen Form war nicht mehr bei allen vorhanden. Kinder kamen und wuchsen auf, die familiären Verhältnisse Einzelner veränderten sich, berufliche Perspektiven wollten eingelöst werden. Gastronomie war für viele nur der Einstieg und eine vorübergehende Möglichkeit gewesen. Neue Ausbildungen und Betätigungsfelder kamen auf. Das alles war im Haus Eulenspiegel nicht unterzubringen. Veränderungen in der personellen Zusammensetzung waren die Folge.

Die Grundideen wurden auch in den „wilden“ Jahren von 1993 bis 2005 nicht wirklich in Frage gestellt. Ihre Umsetzung wurde jedoch individueller. Die Gemeinschaft Eulenspiegel suchte nach Lösungen und fand diese in der Verpachtung der Gaststätte an Menschen, die Gastronomie betreiben wollten und dafür brannten. Andere gingen ihrer Wege und die verbleibenden Mitglieder bemühten sich weiterhin um Kultur und ein demokratisches Miteinander.

Die Verpachtungen ab 2005 waren das Ende der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Das gemeinsame Wohnen war schon zuvor aufgegeben worden. Familienleben und Wohngemeinschaftsleben existierten nebeneinander und der wirtschaftliche Teil war ein selbständiger geworden. Doch die Jahre von 2005 bis 2010 brachten nicht die erhofften wirtschaftlichen Erfolge, sondern erforderten 2011 einen Neustart, der unvermutet auf gutem Resonanzboden gelang.

Die Untertitel änderten sich von ‚Café – Restaurant‘ in ‚Café – Kultur – Laden‘ und dieser Dreiklang gelang sehr erfolgreich. Nicht das es keine Probleme mehr gab, nein, aber ein harmonischeres Miteinander zwischen einer geistigen Freiheit, einer engagierten Kulturarbeit und dem Begegnungsort Café entwickelte sich sehr positiv.

Die bis 2016 existierende kleine Galerie „baf“ war ein Highlight dieser Zeit. Monatlich gab eine etwas Neues: Ausstellungen, Performances, Installationen und mehr bereicherten den Eulenspiegel.
Das Café wurde ein Kulturcafé mit vielen Veranstaltungen und gutem Essen und Trinken. die Pächterin wurde Mitglied des Vereins, zuletzt auch Vorstandsmitglied.

Der anfänglich experimentelle Bio- und Projekteladen mit ehrenamtlichem Engagement in einer Art Mitgliederladen ist heute ein professionell geführter Bioladen, der erfolgreich durch die Krisen kam.

Das Café erfährt aktuell eine neue Ausrichtung. Der Verein ist der Inhaber und Mitglieder und Freunde des Eulenspiegel gestalten das Café. Die Lebenshilfe Lindenberg/Lindau führt Mittwochs ein „Café Inklusiv“, Freunde organisieren monatlich eine „Kneipe“, andere eine Weinstube und langjährige EulenspieglerInnen öffnen das Samstagscafé.

Im Kulturraum finden neben eigenen auch Veranstaltungen anderer Anbieter statt. Fast jeden zweiten Tag gibt es Meditationen, Familienstellen, einen Spielraum für Kleinkinder, Singen, Gespräche, Lesekreise, Fortbildungen und Seminare.

Nach nun 50 Jahren soll der Eulenspiegel der heutigen Zeit angepasst werden, Der Verein erhält einen neuen Namen – wen wundert’s – „Eulenspiegel e.V.“ und die Zielsetzung soll heute offen und vielfältig sein und damit neue Perspektiven ermöglichen – ein Möglichkeitsraum sein. So suchen wir immer Menschen, die diese Ideen spannend finden und sich auch mit neuen Ideen in die aktuelle Arbeit eines Kultur- und Begegnungsraums einbringen wollen.

Die Mitglieder haben zum Jubiläum eine Dokumentation erstellt, die anhand von Dokumenten, Fotos und Berichten einzelner Mitglieder eine fast chronologische Darstellung dieser 50 Jahre festzuhalten. Ein mehr zufällig gesammeltes Archiv, erleichtert durch die anfänglich sehr umfangreiche Schreibarbeit von Peter Schilinski und folgend aus den Berichten in der hauseigenen Zeitschrift jedermensch, soll bewahrt werden – zumindest in den Grundzügen der 50jährigen Geschichte.

Genug erzählt. In der Woche vom 6. – 9. Mai 2026 wollen wir die „50 Jahre“ feiern. Höhepunkt ist der Samstag, der 9. Mai mit einem Tag der offenen Tür. Die Dokumentation ist dann auch erhältlich.

Dieter Koschek

www.eulenspiegel-wasserburg.de

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